Dienstag, 25. September 2018

Neue Lernformen an der GWRS

Neben dem gemeinschaftlichen Unterricht werden an der Schule Frickenhausen zunehmend der
individualisierte und der kooperative Unterricht durchgeführt. In 3 Teilen sollen nun diese beiden
Unterrichtsformen vorgestellt werden.

Teil 1: Der individualisierte Unterricht in der Klasse

Dienstagnachmittag um 14.00 Uhr in Klasse 4. Die Lehrerin möchte mit dem Unterricht beginnen
und den Schülerinnen und Schülern mitteilen, was ansteht und was sie machen sollen. Plötzlich
bemerkt sie, dass die Kinder bereits beschäftigt sind und völlig selbstständig ohne besondere An-
weisung in Arbeit vertieft sind.
Am Vormittag wurde eine Lernwerkstatt im Fach Mathematik zum Thema schriftliche Division heraus-
gegeben. Was ist nun eine Lernwerkstatt?
Bei dieser Unterrichtsform (wie auch bei verwandten Unterrichtsformen wie Wochenplan, Stationen-
lernen, Lernzirkel…) bekommt die Klasse einen Plan, der  Pflicht- und Wahlaufgaben auf unterschied-
lichen Schwierigkeitsstufen enthält. Bei fortgeschrittenen Lernern gibt es auch freie Aufgabenfelder,
in die eigene Ideen eingetragen werden können.
Schülerin 1, nennen wir sie Ramona, ist schon ziemlich fit im schriftlichen Dividieren, sie hat das von
zu Hause schon mitbekommen. Sie hat deshalb die Pflichtaufgaben zügig erledigt, versucht dann die
höchste Niveaustufe bei den Wahlaufgaben und hat auch noch Zeit und Lust, ihrer Nebensitzerin zu
helfen.
Schüler 2, genannt  Moritz, kannte das schriftliche Dividieren noch nicht, es fällt ihm aber ziemlich leicht
und nach kurzer Zeit hat er keine Probleme mit den Pflichtaufgaben. Auch er freut sich auf schwierigere
Aufgaben und lässt sich von der Lehrerin beraten, welche er machen soll.
Schüler 3, exemplarisch für diese Schülergruppe genannt Toni, tut sich mit der neuen Rechenform
schwer. Er arbeitet langsam und braucht öfters Hilfe von Mitschülern oder von der Lehrerin. Nach einer
Woche hat er es geschafft, seine Mühe hat sich gelohnt.
Ramona, Moritz und Toni haben in dieser Woche im Mathematikunterricht ganz unterschiedliche Erfah-
rungen gemacht. Für alle war es eine erfolgreiche Zeit, weil sie etwas gelernt haben. Und alle sind wie-
der ein Stück selbstständiger geworden. Sie haben sich Aufgaben auf ihrer Niveaustufe ausgesucht,
haben die Ergebnisse selbst kontrolliert und abgehakt. Und sie haben sich Hilfe geholt, wenn es nötig
war.
Die Rolle der Lehrerin oder des Lehrers hat sich bei dieser Unterrichtsform verändert. Vom „Belehren-
den“ werden die Lehrerinnen und Lehrer zu „Lernbegleitern“. Für sie ist es ganz wichtig zu wissen, auf
welchem Leistungsstand sich jeder einzelne Schüler und jede Schülerin befindet, welche Schwächen
und vor allem welche Stärken sie haben, um sie gut beraten und auch beurteilen zu können. Es kann
nämlich durchaus sein, dass Toni zwar nicht so gut schriftlich dividieren kann, dafür aber bei der Spie-
gelsymmetrie oder beim räumlichen Vorstellungsvermögen beste Leistungen zeigt.
Wenn in einer Klasse der individualisierte Unterricht eingeführt wurde, kann es also durchaus zu der
oben beschriebenen Situation am Dienstagnachmittag kommen: Alle arbeiten intensiv in unterschied-
lichem Tempo an unterschiedlichen Aufgaben auf unterschiedlichem Niveau.

Teil 2: Das Lernband

Im ersten Stock des Hauptgebäudes hängen an drei Klassenzimmern Plakate. Die Türen sind offen.
60 Kinder der drei Klassen 4 gehen durch die Räume und schauen sich die Materialien zum Thema
Polargebiete an. Nach einer gewissen Zeit entscheiden sie sich für ein Unterthema, z.B. „Tiere in den
Polarregionen“ und finden sich in Kleingruppen zusammen. Nachdem sie in Einzelarbeit ihr Vorwis-
sen aufgeschrieben und anschließend in der Gruppe ausgetauscht haben, geht es an die Arbeit:
Recherche mit Büchern, Ausdrucke aus dem Internet oder mit dem Lexikon am Laptop. Nach eini-
gen Stunden hat jede Gruppe ein Plakat erstellt und stellt ihre Ergebnisse den anderen vor.
Das Lernband ist eine Arbeitsform, die durch einen Stundenplankniff möglich wird: Pro Woche liegen
bei den Parallelklassen mindestens zwei Klassenlehrer-Doppelstunden gleichzeitig. So wird ein
klassenübergreifendes Arbeiten möglich. Die Schülerinnen und Schüler können sich nach Interesse
oder aber auch nach Leistung zuordnen. Es wird z.B. in Mathematik ermöglicht, dass ein Thema auf
verschiedenen Niveaustufen angeboten wird. Da können sich dann diejenigen, die noch Probleme
mit diesem Lernstoff haben, ganz in Ruhe nochmal von vorne damit beschäftigen. Und die andere
Schülergruppe knobelt und tüftelt auf einer anderen Niveaustufe. Jede Schülergruppe wird von einer
Lehrkraft betreut, die die Materialien bereitstellt und bei Problemen weiterhilft.

Teil 3: Der kooperative Unterricht

Offene Klassenzimmertür, Kleingruppen auf dem Flur oder im Schulhof: Die Schülerinnen und Schüler
bearbeiten ein Projekt. Oder sie führen eine Schreibkonferenz durch, d.h. sie lesen sich gegenseitig
ihre Aufsätze vor und verbessern diese. Oder sie helfen sich  bei kniffligen Matheaufgaben.
„Gemeinsam Vielfalt erleben“. Dieses Motto der Schule Frickenhausen wird im kooperativen Unter-
richt besonders intensiv umgesetzt. Die oben genannten Beispiele sind nur wenige von vielen Mög-
lichkeiten. Kinder und Jugendliche lernen gerne und effektiv voneinander. Neben der fachlichen Leis-
tung wird durch diese Lernform vor allem auch die soziale Kompetenz gestärkt.
In drei Schritten funktioniert das kooperative Lernen, das der Kanadier Norm Green entwickelt hat: Im
ersten Schritt beschäftigt sich jede Schülerin und jeder Schüler zunächst alleine mit dem Lernstoff.
So wird das Vorwissen aktiviert, an das neues Wissen angedockt werden kann.
Im zweiten Schritt erarbeitet sich die Gruppe selbstständig das neue Wissen. Hilfreich ist hier, wenn
die Verantwortung in der Gruppe aufgeteilt wird. So gibt es z.B. einen Materialdienst, der sich um das
gesamte erforderliche Material kümmert. Oder ein Gruppenleitung, die unter anderem dafür sorgt,
dass alle Gruppenmitglieder zu Wort kommen. Und ein anderes Gruppenmitglied schreibt die Ergeb-
nisse auf.
 Im dritten Schritt werden die Ergebnisse präsentiert und der Lehrkraft und den Mitschülern zugänglich
gemacht.
Ähnlich wie beim individualisierten Lernen ist die Lehrerolle die des „Lernbegleiters“. Die Lehrkraft
steht zur Beratung zur Verfügung. Durch gezieltes Beobachten der Gruppenprozesse erfährt die Lehrer-
in oder der Lehrer vieles über das Leistungsvermögen und das Sozialverhalten der Schülerinnen und
Schüler.